500 Kilo Sprengstoff zerrissen am 23. Mai 1992 eine Autobahn nahe Palermo. Die Explosion beendete das Leben des Mafia-Jäger Giovanni Falcone und veränderte ganz Italien. Für die Mafia wurde die Ermordung zum Bumerang.
Capaci, ein Vorort von Palermo. Hier verläuft die Autobahn vom Stadtzentrum in Richtung Flughafen. Am 23. Mai 1992 um 17:57 Uhr explodierten hier 500 Kilo Sprengstoff. Die Bombe war in einem Abwasserkanal unter der Autobahn versteckt. Die volle Wucht der Detonation traf zwei Autos, in den Trümmern starben Untersuchungsrichter Giovanni Falcone, seine Frau und die drei Leibwächter des bekanntesten und populärsten italienischen Anti-Mafia-Kämpfers.
Leoluca Orlando, langjähriger und gerade wiedergewählter Bürgermeister von Palermo, war selbst ein Vorkämpfer gegen das organisierte Verbrechen. Er sagt: “Die Mafia hatte Helfer. Denn die Reisepläne von Falcone wurden damals mit großem Aufwand geheimgehalten. Schließlich war Falcone hochgradig gefährdet.” Falcone sei der aussichtsreichste Kandidat für den Chefposten einer neuen Anti-Mafia-Polizei gewesen und hatte für die Verurteilung hunderter Mafiosi gesorgt.

Die Mafia – im und gegen den Staat
“Die Mafia, die einen Richter von Falcones Rang tötet, weiß, dass es innerhalb des Staatsapparats jemanden gibt, der sie schützt oder weiter schützen wird. Die Mafia ist gegen den Staat und zugleich auch im Staat selbst. Sie ist gegen die Banken und arbeitet innerhalb der Banken, sie ist gegen die Kirche und innerhalb der Kirche, sie ist gegen die Gesellschaft und innerhalb der Gesellschaft”, sagte Orlando. “Nach der Ermordung von Richter Paolo Borsellino, die das alles abgeschlossen hat, ist eine noch nie dagewesene Bürgerbewegung entstanden und von deren Empörung getragen bin ich ein Jahr später erneut zum Bürgermeister von Palermo gewählt worden.”
Audio: Als die Mafia dem Staat den Krieg erklärte
Ein Bumerang für die Mafia
Denn die Morde an Giovanni Falcone und später im Jahr an seinem Kollegen und Freund Borsellino haben Italien aus der Gleichgültigkeit gebombt. Die Cosa Nostra wurde zum nationalen Problem erklärt. Insofern, sagt die Schwester von Giovanni Falcone, Maria, hatten die Attentate durchaus einen Effekt: “Das war so etwas wie ein Bumerang für die Mafia. Denn damit begann alles. Dieses terroristische Attentat hat die Menschen dazu gebracht zu sagen: Jetzt reicht es! Und unter dem ständigen Druck der immer empörteren Bürger musste der Staat schließlich eindeutig reagieren.”
Soldaten unterstützen die Polizei
Der Staat schickte das Militär in den größte Einsatz seit dem Zweiten Weltkrieg. Bis zu 12.000 Soldaten waren zeitweise auf der Insel, um die Polizei zu verstärken – und zwar für sechs Jahre.
Auch die Ermittlungen kamen recht schnell voran. Ein Jahr nach dem Attentat wurde der Urheber gefasst, Toto Riina, ein Boss aus Corleone. 1996 kam Michele Prestipino nach Palermo und arbeitete dort bis 2008 als Staatsanwalt. Gerade gesellschaftlich hat sich in den Jahren nach den Attentaten vieles sichtbar verändert, sagt er: “Die sizilianische Kirche von 1992/93 ist nicht dieselbe von 2008, das System der Unternehmer von 1992 ist nicht das von heute, dasselbe kann man über Schule und Ausbildung sagen. Es ist ein Prozess in Gang gesetzt worden, das Wissen und Verständnis über die Mafia aufzuarbeiten. Dies hat tausende, zehntausende, hunderttausende von Jugendlichen umfasst. Und diese Generation stellt heute die Führungskräfte in vielen Bereichen in Sizilien.”
Wertewandel in den Köpfen
Denn ein Wertewandel setzte ein. Auf einmal gab es anschaulichen Aufklärungsunterricht in den Schulen. Jugendlichen wurde bewusst gemacht, was es heißt, mit der Mafia zusammenzuarbeiten. Einzelne Geschäftsleute weigerten sich plötzlich Schutzgeld zu zahlen, Studenten gründeten die Bewegung “Adio pizzo” – “Tschüss Schutzgeld”.
Eine von ihnen war Chiara Caprì, die als 5-Jährige die Folgen der Bombenattentate miterlebt hatte. Sie schreibt inzwischen Bücher über die Mafia, hat ihr Medizinstudium fast abgeschlossen und will sich auf forensische Psychiatrie spezialisieren, um Täterprofile zu erarbeiten. Auch für sie begann alles mit dem Mord an Falcone, sagt sie. Der habe dafür gesorgt, dass sie sich als Kind dafür interessierte, warum eigentlich jemand in ihrer Heimatstadt Bomben legt. “Die Attentate, die in diesen Jahren verübt wurden, versetzten die Stadt in eine Art Krieg. Als ob in Kabul oder anderen Kriegsgebieten die Bombe explodiert und alle erinnern sich daran, wo sie waren und was sie gerade getan haben. Auch wenn ich damals noch klein war: Die Explosion auf der Autobahn, später der Mord an Borsellino, diesen wahnsinnigen Schlag, diese Explosion zu hören, da ist für dich die Zeit stehen geblieben.”
Weniger gefährlich, aber schwieriger zu bekämpfen
Palermo hat sich verändert nach den Anschlägen vor 20 Jahren. Die führenden Köpfe der Mafia von damals sitzen alle im Gefängnis, entscheidende Kontakte wurden gekappt – aber trotzdem gibt es die Mafia noch, sagt Leoluca Orlando: “Die Mafia hat sich verändert. Von der die schießt und Attentate verübt, zur Mafia in Anzug und Krawatte, die sich in den Weiten der Finanzwelt verbirgt. Heute die Mafia zu bekämpfen, ist weniger gefährlich, aber es ist schwieriger.”
Maria Falcone hat den Kampf gegen die Mafia nach den Morden zu ihrem Lebensziel gemacht. Die Schwester des ermordeten Richters hat eine Stiftung gegründet und organisiert landesweit Aufklärungsunterricht in Schulen. Sie frage sich häufig, was eigentlich passiert wäre, wenn ihr Bruder nicht umgebracht worden wäre, wenn er weitergearbeitet hätte. “Wenn er einen Staat zur Seite gehabt hätte und eine Gesellschaft, die ihn unterstützten, anstatt mit Neid, Vorwürfen, Zweifeln überschüttet zu werden. Meine Frage: wo wären wir jetzt? Vielleicht wäre die Costra Nostra wirklich besiegt”, so Maria Falcone.
Rote Granitsäulen an der Autobahn
Das Massaker von Capaci: Capace hat auf italienisch übrigens noch eine andere Bedeutung. Es heißt fähig. Der fähigste Kopf der Mafiajäger starb, unter anderem auch deshalb durch die Hand von Kriminellen, weil die Politik ihn im Stich gelassen und sich nicht rechtzeitig für ihn stark gemacht hatte. Direkt neben den Standstreifen der Flughafenautobahn bei Palermo erinnern zwei große rote Granitsäulen an ihn, seine Frau und seine Leibwächter. Die Säulen erinnern an den Tag, als die Mafia dem Staat den Krieg erklärte.

Quelle: tagesschau.de